Akt 1 - A
Zuerst war es nur ein falscher Streifen am Horizont. Joshua stand am Ruder und sah hinaus, als wolle er sich selbst zwingen, etwas Gewöhnliches darin zu erkennen. Ein Boot vielleicht.
Ein Licht. Irgendein Rest von Abend, der sich im Wasser verfing. Aber das Schiff vor ihm lief schnurgerade, und doch nahm es den Druck nicht.
Das Segel stand türkis im Wind, sauber, ruhig, fast zu ruhig, während sich um den Mond etwas ausbreitete,
das dort nicht hingehörte.
Nicht einmal Farbe war das zuerst.
Eher eine Erinnerung an Farbe.
Ein Rosa, das ins Violett wollte. Ein Saum, der nicht sauber saß. Der Ring über dem Wasser schien sich in Wellenbewegungen um den Mond auszulegen, als würde dort oben etwas nachgezogen, was längst abgeschlossen sein sollte.
Joshua blinzelte gegen den Wind.
Warum heute?
Die letzte violette Phase war sechs Perioden her. Nach einem Regentag erst recht. So sprang die Welt nicht um. Nicht hier. Nicht in einer Nacht, die bis vor kurzem noch getragen hatte wie eine normale, gute Nacht.
Unter dem Bug zitterte das Wasser.
Nicht offen. Nicht wild. Nur zu straff. Kleine Blasen perlten über eine Oberfläche, die nicht fest geworden war, aber aussah, als habe sie für einen Moment beschlossen, kein richtiges Wasser mehr zu sein. Das Boot lief noch immer gut, und gerade das machte ihm Angst. Zu viel Ordnung.
Zu viel Geradeaus. Als würde etwas Größeres die Bahn schon übernommen haben.
Joshua ging in die Knie, ehe er verstand, dass er es tat. Das Knie schlug hart gegen die Kante des Cockpits. Schmerz fuhr kurz und weiß durch ihn, aber er sah trotzdem weiter nach vorn. In seinen Augen spiegelte sich das Türkis unter dem Bug, dieses lesbare, das er kannte.
Und darüber etwas Falsches.
Etwas, das nicht passte.
Er riss das Ruder herum.
Das Boot antwortete sofort, zu willig fast, drehte ab und nahm den neuen Kurs nach Sit, ohne zu zögern. Joshua fluchte nicht. Er sagte gar nichts. Der Wind stand eine Sekunde lang noch sauber auf dem alten Kurs, als habe er von der Entscheidung nichts mitbekommen. Dann kippte er.
So plötzlich, dass es Joshua fast von den Füßen riss.
Das Schiff lief trotzdem gut.
Immer noch zu gut.
Die Wolken zogen schneller, als sie hätten ziehen dürfen. Über den Landmassen schlugen Blitze ein, erst fern, dann näher, ohne dass man hätte sagen können, ob sie aus einem Gewitter fielen oder aus etwas, das sich nur das Gewand eines Gewitters übergezogen hatte. Regen kam hart und ohne Vorrede. Nicht in großen Tropfen. Eher als dichter, kalter Zug, der das Meer und ihn zugleich flach schlug.
Joshua duckte sich nicht.
Er hielt nur den Kurs.
Sit war groß. Sit war unerquicklich. Aber Sit war da. Ein Hafen, der genug Mole hatte, genug Platz, genug tüchtige Menschen, genug kaputtes Material, das manchmal gerade noch rechtzeitig begriff, wofür es eigentlich eingebaut worden war.
Er mochte die Stadt nicht besonders. Nie ganz. Zu viele Ecken, die erst geschniegelt taten und dann gleich hinter der Altstadt in schlechte Straßen kippten. Zu viele Gesichter, die Touristenfreundlich und Einheimischen gleichgültig vorkamen. Zu viele Automobile, die funktionierten, ohne dass sich jemand je die Mühe machte, sie schön zu finden. Aber gerade deshalb lief er Sit an. Nicht aus Liebe. Aus Gewohnheit und Vernunft.
Unter Regen nahm er die freie Mole an der Tankstelle.
Es war kein schönes Einlaufen. Nur ein richtiges. Der Wind drehte noch einmal, als wolle er ihn kurz vor der sicheren Kante doch noch lächerlich machen. Das Boot sprang an der Leine, fing sich wieder, und Joshua brachte es mit jener müden Härte fest, die Menschen nur dann zustande brachten, wenn sie zu fertig waren, um sich noch dramatisch zu fühlen.
Seine Knochen zitterten.
Die nassen braunen Haare hingen ihm ins Gesicht. Wasser lief ihm aus den Ärmeln, in den Kragen, über die Lippen. Auf der Mole war niemand in Panik. Das war das Beunruhigende. Zwei Männer zogen ein Schlauchboot weiter hoch. Ein Tankwart sah kurz zum Himmel, dann zum Wasser, dann wieder zu seinen Kanistern, als hätte er beschlossen, dass die Reihenfolge heute eben so war. Weiter oben in der Straße liefen Leute schneller als sonst, aber nicht kopflos. Türen standen offen, Stimmen waren knapper, und dort, wo die Stadt Material in sich trug, fing es erst jetzt langsam an, sauber einzusetzen. Ein Lichtband an einer Hauskante glomm mit Verspätung auf. Eine Leitung summte unerquicklich unter Putz. Ein Schild an der Tankstelle flackerte, entschied sich dann für Türkis und blieb doch im Kern zu blass.
Über Sit lag noch ein falscher Schimmer.
Nicht offen violett. Nur so, als hätte jemand den richtigen Farbton knapp verfehlt.
Joshua stieg den Niedergang hinunter und erbrach sich ins Schiff.
Es kam hart, kurz, gründlich. Danach blieb er mit einer Hand an der Kante sitzen, den Kopf gesenkt, den Atem flach, als müsse er erst prüfen, ob sein eigener Körper noch zu ihm gehörte. Für einen Moment fühlte er sich leer. Nicht gereinigt. Nur ausgeräumt.
Er kniff die Augen zu.
Seine Lippen formten drei Worte, die er selbst nicht so richtig verstehen wollte.
Dann blieb nur noch das Regenklopfen an Deck.
Als er wieder hinausging, war die Stadt voller Menschen, aber nicht voller Leben. Eher voller Nachwehen. Wer vom Wasser wegbleiben wollte, war schon weg. Wer noch draußen war, hatte Gründe. Tankstelle. Bar. Späte Lieferung. Schicht. Touristen, die das Schauspiel für Wetter hielten. Hafenleute, die besser wussten, wann man nicht mehr diskutierte. Sit kannte Phasenwechsel. Nicht jeder verstand sie, aber jeder spürte, wann etwas im Takt der Stadt kurz verrutschte.
Joshua schleppte sich zur Bar neben der Tankstelle.
Der Tankwart nickte ihm nur zu.
„Kiste steht drin.“
Joshua hob die Hand nicht einmal richtig. Drinnen stand an der kleinen Tafel neben dem Kühlschrank schon Kreide. Er strich einen Strich dazu, langsam, als müsse er erst wieder begreifen, dass manche Gesten auch dann noch galten, wenn der Rest der Welt gerade quer in einem saß.
Der Tankwart sah ihn an.
„Wolltest du nicht morgen kommen?“
„Jetzt bin ich hier“, sagte Joshua.
Es klang genervter, als es sollte. Nicht wegen des Mannes. Wegen sich selbst.
Er setzte sich in die Bar, die nach der Druck- und Wechselphase gerade wieder dabei war, sich ins Türkis zurückzufärben. Das Licht kam zurück, aber nicht schön. Über der Theke glomm etwas zu spät auf. Am Rand der Spiegel blieb ein stumpfer falscher Ton stehen, als hätte das Violett der Stadt noch nicht ganz losgelassen. Auch das Holz wirkte, als trüge es irgendwo unter dem Lack einen Rest von etwas, das nicht hineingehörte.
Joshua saß halb neben sich.
Er merkte zuerst die Lederjacke an seiner Schulter. Ein leises Knatschen. Dann Lavendel. Dann eine Haarsträhne, die seiner linken Iris bedrohlich nah kam. Im selben Moment stupfte ihn etwas weich gegen die Nase.
Die Wirtin beugte sich an ihm vorbei zum Zapfhahn.
Nicht geschniegelt. Nicht freundlich aus Beruf. Eher von der Sorte Frau, die einen Laden durch mehrere schlechte Jahrzehnte tragen konnte und sich deshalb nicht mehr fragte, ob jemand mit seinem Blick heute gerade zurechnungsfähig war oder nicht.
Das Bier floss ins Glas.
Gold unter weißem Schaum.
Joshua sah zu, wie es stieg, und musste fast noch einmal brechen. Sein Magen zog hart zusammen. Für einen Moment war das nichts Harmloses, nichts Alltägliches, nur ein helles, fremdes Steigen in einem Glas, das viel zu sehr nach Körper und Nachhall aussah, nachdem man gerade erst etwas aus sich herausgeworfen hatte.
„Kein Durst?“, fragte die Wirtin. Joshua sammelte sich. Langsam.
Er hob den Blick zu ihr.
Ihr Gesicht war nah. Zu nah vielleicht. Unter der Jacke etwas Dunkles, nasses Haar am Kragen, Lavendel, Regen, diese Haarsträhne noch immer fast in seinem Auge. Und dann sah er ihre Iris.
Oder glaubte, sie zu sehen.
Nicht braun.
Nicht ganz.
„Violett?“