Jedem Ende wohnt ein Anfang inne.
I
Der Nachmittag lag über Orliva wie eine Hand, die nichts festhielt und doch überall zu spüren war. Die Wärme saß noch in den Steinen der Häuser, in den Geländern, in den schmalen Gassen, die zum Wasser hinunterführten. Im Hafen flanierten ein paar letzte Touristen zwischen Ständen mit Obst, altem Werkzeug und billigen, doch hübsch schimmernden Ketten. Weiter draußen wurde ein vertäutes Ausflugsboot entladen. Männer reichten sich Kisten zu, ohne ein Wort zu viel daran zu verlieren. Eine frische Brise kam ablandig und strich über die Bucht, als wolle sie sich schon auf die Nacht einstellen.
Im oberen Stockwerk eines Hauses, keine fünfhundert Meter von der Strandbar entfernt, vibrierte ein Toggle kurz auf einem niedrigen Tisch.
Joshua schlug die Augen auf.
Für einen Moment sagte ihm nur das Licht, wo er war. Es kam schräg durch die Lamellen vor dem Fenster und lief in schmalen Streifen über eine auf dem Boden abgestellte Tasche, über eine halb geöffnete Schranktür, über den Stoff eines dunklen Hoodies, der über einer Stuhllehne hing. Dann spürte er die zweite Wärme neben sich und erinnerte sich nicht, sondern wusste es einfach.
Er drehte den Kopf.
Die junge Frau neben ihm schlief nicht mehr ganz. Ihr Atem war ruhiger geworden, leichter. Eine lose Strähne lag ihr über der Wange. An ihrem Augenbrauenring hing ein winziger türkisfarbener Schein, als hätte das Material selbst ein Restlicht gespeichert. Nichts daran wirkte besonders. In Mavlina leuchteten viele Dinge leise, wenn der Tag sich neigte.
Das Toggle vibrierte noch einmal.
Joshua hob eine Hand, legte sie an ihre Hüfte und zog sie zum Abschied ein Stück näher an sich heran. Sie machte ein kaum hörbares Geräusch in seiner Schulter, irgendwo zwischen Müdigkeit und Zustimmung.
„Soll ich mitkommen?“, murmelte sie.
Ihre Stimme war noch halb im Schlaf.
„Nein“, sagte er leise. „Ich denke, es wird eine gute Nacht.“
Er richtete sich auf, setzte sich an die Bettkante und blieb dort einen Herzschlag länger sitzen, als er gemusst hätte. Dann kniff er sie im Vorbeigehen sanft in den Knöchel.
„Spinnst du?“, sagte sie und lachte schon, bevor sie nach ihm trat.
Er wich grinsend aus, ließ den Zeigefinger noch einmal an ihrem Fuß entlangstreifen und verschwand im Bad.
Unter der Dusche lehnte er eine Hand gegen die kühle Wand und blickte durch das schmale Fenster hinunter zum Hafen. Unten wurden noch immer Kisten entladen. Ein kleiner Lieferwagen wartete dicht an der alten Steinmole, als traue er sich nur deshalb so nah heran, weil alle dort seit Jahren wussten, wie viel Platz zwischen Meer und Stoßstange noch blieb. Auf dem Wasser lag ein rosiger Schimmer, als hätte jemand Farbe sehr sorgfältig auf die Oberfläche gezogen und dann wieder fast ganz weggewischt.
Zwischen zwei größeren Booten lag weiter außen ein schmales, dunkles Schiff am Steg. Nicht auffällig. Nur ruhig. Die Reling fing für einen Augenblick Licht ein, verlor es wieder, und man hätte nicht sagen können, ob es von der sinkenden Sonne kam oder aus dem Material selbst.
Joshua sah einen Moment länger hin, stellte das Wasser ab und trat zurück.
Als er wieder in den Raum kam, hatte sie sich auf den Rücken gedreht und blinzelte ihn an.
„Dann geh wenigstens nicht geschniegelt da runter“, sagte sie.
„Zu spät.“
„Du siehst aus, als hättest du in einem Tau geschlafen.“
„Hab ich vielleicht.“
Sie schnaubte leise, schob sich die Strähne aus dem Gesicht und musterte ihn mit dem Blick einer Frau, die längst beschlossen hatte, nichts von dem auszusprechen, was in ihr schon zu arbeiten begonnen hatte.
Joshua streifte das dunkle Oberteil über, nahm das Toggle vom Tisch und beugte sich noch einmal zu ihr hinunter. Diesmal küsste er sie nur kurz auf die Stirn.
„Schlaf weiter.“
„Mach ich nicht.“
„Dann tu wenigstens so.“
Sie hob eine Braue.
„Verschwinde einfach.“
Er grinste, und einen Moment später war er schon auf der Treppe.
Draußen roch die Luft nach Salz, Metall und nach den Resten des Tages. Die Straße vor dem Haus fiel leicht zum Wasser ab. Fassaden warfen lange Schatten. Zwischen den Fenstern liefen feine Materialadern durch verputzte Wände, so unauffällig, als hätten Häuser schon immer auf diese Weise Licht gespeichert. Ein paar Kinder jagten an ihm vorbei, barfuß, laut, einander schubsend. Von weiter unten klirrte Glas. Irgendwo schlug jemand auf einen Tisch und verlangte nach mehr Bier, noch bevor er den Mund wieder ganz geöffnet hatte.
Joshua ging hinunter in Richtung Hafen.
Die Gasse weitete sich, wurde zu einer Straße, dann zu dem langen, offenen Streifen am Wasser, an dem der Hafenort Mavlina sich in den Abend hinein entspannte. Vor der Mole hingen noch Netze zum Trocknen. Eine Frau stapelte Kisten. Zwei Männer diskutierten darüber, ob der Wind hielt oder nur so tat. Niemand erklärte etwas, und doch schien jeder längst zu wissen, wie die Nacht sich anfühlen würde.
Weiter draußen lag das dunkle Schiff noch immer ruhig am Steg.