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XVI

XVI

Buch 1 · Prolog · Hauptort: Milva
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XVI

Nach dem strapazierenden Tagmond lief Joshua in die Bucht von Milva ein. Er war nicht eigentlich erschöpft, nur auf diese trockene Weise leer, die der Tagmond hinterließ, wenn er lang genug auf Wasser, Gedanken und Blick gelegen hatte. Durst war da. Konzentration auch, aber nur noch in brauchbaren Resten. Für große Sätze hätte es nicht mehr gereicht. Fürs Anlegen schon.

Vom Ort her hörte man Glocken. Nicht feierlich. Eher so, als wolle Milva nur mitteilen, dass der Nachmittag noch nicht ganz aufgegeben hatte. Unweit der kleinen Wäscherei grüßte ein Fischer mit zwei Fingern, ohne seine Hände wirklich aus der Arbeit zu nehmen. Der Geruch von Lauge hing zwischen den warmen Mauern und zog in flachen Zügen bis ans Wasser.

Joshua blickte zur niedrigen Lagehalle mit dem kleinen Steg hinüber, noch ehe er sie ganz erreicht hatte. Dort war es offen zum Hof hin, dahinter standen ein paar Böcke, Werkzeugkisten, zwei schiefe Fässer und ein Boot, das entweder schon länger repariert wurde oder schon länger so aussah, als würde man gleich damit anfangen.

Dann hörte er es.

Erst das leise, unerquicklich vertraute Zischen.

Dann ein kurzes Piepen.

Dann wieder dieses dünne, nervöse Zwitschern, das klang, als würden zwei sehr teure Geräte einander privat beleidigen.

Und kurz darauf eine Stimme, trocken wie immer:

„Helmut Zauner - sprechen sie!“

Joshua hob kaum merklich einen Mundwinkel.

Dort wollte er festmachen.

Er legte einhand an. Kein Drama.

Die Leine lag sauber. Der Fender hing richtig. Das Boot stand ruhig genug, dass selbst Milva keinen Anlass hatte, daraus eine Meinung zu machen. Joshua sprang nicht. Er stieg hinüber, zog noch einmal kurz nach und warf erst dann einen Blick in die Halle.

Unter einer kurzen, flachbodigen Arbeitskufe ragten zwei Beine hervor. Eines lag fast gerade, das andere war leicht angewinkelt, als gehöre das zum Denken. Neben dem Kiel standen eine kleine Kiste mit sortierten Schrauben, ein alter Becher mit Pinseln, ein Lappen, der seine besten Tage in einer anderen Regierung gehabt haben musste, und auf einem umgedrehten Eimer lag eine schmale Metallzange, als hätte sie eben beschlossen, noch nicht ganz vom Tisch zu fallen.

Das Zischen an seiner Schläfe wurde kurz schärfer.

„Wart“, sagte Zauner zu niemandem und allen zugleich. „Muss kurz justiere.“

Eine Hand kam unter dem Boot hervor. Der linke Daumen und der Zeigefinger fanden blind drei kleine Schalter und zwei feine Potis an dem seitlich an seiner Brille sitzenden Apparat. Es knackte. Das Piepen wurde für einen Moment schlimmer, dann plötzlich feiner, leiser, fast höflich.

„Ja“, sagte er in den Apparat. „Jetzt.“

Kurze Pause.

„Nee. Ham wa da.“

Noch eine Pause.

„Dann morgen mit der Fähre.“

Ein drittes Mal Stille.

„Ja. Kein Problem. Lass sie da stehen. Ich meld mich nachmittags.“

Er drehte noch an einem Poti, bis das letzte Zischen in ein beleidigtes Restklingeln zurückfiel, das er entweder nicht mehr hörte oder seit Jahren nicht mehr als eigenes Problem betrachtete.

Dann erst sagte er, noch immer halb unter dem Boot:

„Joshua?“

„Ja.“

„Fest?“

„Fest.“

„Gut.“

Zauner schob sich rückwärts hervor, nicht schnell, aber ohne jeden unnötigen Umstand. Er war schmaler, als man im Liegen vermutet hätte, verschmiert bis an die Handgelenke und trug eine Brille, die schon ohne den Zusatzapparat genug zu tun gehabt hätte. Über dem linken Glas saß eine kleine Lupe, seitlich an der Schläfe das seltene Material mit seinen unerquicklich feinen Aufsätzen, darunter eine Stirn, die aussah, als hätte sie für Menschen meistens schon vor Stunden genug Geduld aufgebracht.

Er sah Joshua einmal an. Lang genug, dass man bei einem anderen Mann Unfreundlichkeit hätte vermuten können. Bei Zauner war es eher ein Lesen.

Dann ging das Gerät an seiner Schläfe los:

zrrt — zrrt — PING

Ein schmaler Streifen schob sich seitlich aus einer kaum vernünftigen Zusatzklappe, blieb drei Finger breit aus dem Apparat stehen und wedelte kurz im Hallenwind.

Joshua sah darauf.

Er nicht.

„Was ist das jetzt?“, fragte Joshua.

„Rechnung von vorhin.“

„Von wem?“

„Ist doch egal.“ - und riss den Streifen ab, faltete ihn einmal und steckte ihn in die Brusttasche, als wäre das der normalste Ort der Welt, an einem Kopfgerät finanzielle Endgültigkeit zu erzeugen.

„Na?“, fragte er dann.

Joshua hob die Schulter.

„Steuerbord. Kurz Grund. Nicht hart. Eher … unerquicklich.“

Zauner nickte knapp.

„Ruderblatt?“

„Heil.“

„Zieht sie?“

„Normal genug.“

„Mhm.“

Das war bei Zauner schon fast ein ganzer Absatz.

Er bückte sich nach dem Lappen, wischte sich die Finger nicht sauber, sondern nur trockener, ging am Boot vorbei und trat mit jener sachlichen Selbstverständlichkeit auf den Steg, als gehöre jedes fremde Schiff in Reichweite für kurze Zeit automatisch halb in seine Zuständigkeit.

Joshua folgte ihm.

Milva lag warm und etwas trocken hinter ihnen. Aus der Wäscherei kam noch immer dieser Geruch nach Lauge. Weiter oben schlug irgendwo eine Tür, und im selben Moment wurde das Zischen an Zauners Schläfe wieder gröber.

Zauner blieb stehen, hob nicht einmal den Kopf und sagte nur:

„Ja natürlich.“

„Was?“, fragte Joshua.

„Kordula hat die Hoftür zu.“

Er nahm wieder den linken Daumen und Zeigefinger, drehte an den kleinen Rädern, lauschte kurz ins feine Pfeifen und verzog den Mund.

„Unerquicklich.“

Ein paar Atemzüge lang kam nur bröseliges Knistern aus dem Gerät, so, als würde irgendwo zwischen Mauer, Holz und Material ein Gespräch versuchen, durch eine schlechte Laune zu kriechen. Dann plötzlich wieder Stimme, fern und deutlich genug, um unerquicklich offiziell zu wirken.

„…sagen Sie ihm, morgen!“

und antwortete zugleich, ohne sich aufzuregen:

„Mhm. Ist angekommen.“

Wieder Störung. Dann ein scharfes Klicken. Dann Stille.

Joshua blickte ihn an.

„Kordula?“

„Wer sonst stellt den Hauptapparat so hin, dass nur noch das halbe Gespräch durchkommt?“

„Vielleicht absichtlich.“

Zauner warf ihm einen trockenen Blick zu.

„Bei der Kordula ist fast alles absichtlich.“

Sie waren inzwischen an Joshuas Boot. Zauner trat nicht sofort an Bord. Er hockte sich am Steg hin, sah erst über die Wasserlinie, dann darunter, dann auf die Kante des Rumpfs, als könne er mit bloßem Blick schon unterscheiden, was bloß Schramme und was Beginn einer längeren Geschichte war.

„Du warst unter Tagmond draußen?“

„Nicht freiwillig.“

„Macht’s nicht besser.“

Joshua nickte.

Zauner fuhr mit zwei Fingern über die Steuerbordseite, tastete nicht empfindsam, sondern wie ein Mann, der Material eher provoziert als um Erlaubnis bittet. Dann klopfte er einmal kurz dagegen, lauschte, verzog keine Miene und sagte:

„Rumpf.“

Joshua atmete aus, ohne es groß zeigen zu wollen.

Zauner sah es trotzdem.

„Freu dich nicht zu früh“, sagte er. „Rumpf ist handhabbar. Heißt nicht, dass du gescheit gefahren bist.“

„Hab ich auch nicht behauptet.“

„Gut.“

Wieder zischte es an seiner Schläfe.

Diesmal hob Zauner die Hand gar nicht erst.

„Ignorier ich.“

„Warum?“

„Wenn’s wichtig ist, pfeift’s länger.“

Es pfiff sofort länger.

Joshua sah ihn an.

Zauner sah zurück.

„Ja“, sagte er. „Deshalb ist diese Welt unerquicklich für Techniker.“

Er griff nun doch an den Apparat, drehte wieder an zwei Potis, murmelte halblaut „Wart … wart … jetzt …“, bis aus dem Pfeifen eine Stimme wurde.

„Jetzt sprechen.“

Am anderen Ende redete jemand sofort zu schnell.

Zauner hörte einen Moment zu, blickte währenddessen auf Joshuas Rumpf, dann aufs Wasser, dann wieder auf den feinen Rand an Steuerbord, als lägen Gespräch und Schaden ohnehin im selben Teil der Welt.

„Nee“, sagte er schließlich. „Ham wa nicht da.“

Kurze Pause.

„Dann fahrst morgen nach Sit.“

Noch eine Pause.

„Ja, sparst dir einen Tag Warterei.“

Noch eine.

„Ich sag doch nicht, dass die dich verarschen. Ich sag nur: Fahr nach Sit.“

Er drehte das Poti zurück. Das Geräusch fiel wieder in sein feines Restzischen zurück.

Joshua grinste trotz des trockenen Kopfs.

„Ersatzteile?“

„Menschen.“

„Ah.“

Zauner richtete sich auf. Das Gerät an seiner Schläfe klackerte noch einmal, dann kam, beinahe zufrieden:

PING

Er riss den nächsten schmalen Streifen ab, sah Joshua dabei lang an und sagte:

„Material hätt ich mir übrigens gescheiter gemacht.“

Joshua blinzelte.

„Was?“

„Nix.“

„Nimm.“

Zauner winkte mit einem Schnipsel.


„Für irgendwann mal.“


Joshua steckte den Schnipsel ein.

„Wenn man mal Zeit hätte“, sagte er, schon halb wieder bei seinem Rumpf, „könnte man das alles hier gescheiter machen. Kopplung sauberer. Weniger Druckverlust. Weniger Wandengejaule. Bessere Reichweite ohne dass gleich jeder Depp meint, er kann nun aus Meduja anrufen, weil ihm langweilig ist.“

Joshua lehnte sich leicht an den Pfosten.

„Warum machst du’s nicht?“

Zauner sah ihn an, erst trocken, dann fast belustigt, soweit sein Gesicht dafür zuständig war.

„Weil jeden Tag einer mit was kommt.“

Er deutete mit dem Kinn auf das Boot.

„Du zum Beispiel.“

Das war so richtig, dass Joshua nichts dagegen sagen konnte.

Zauner ging an Bord. Nicht vorsichtig, sondern vertraut. Er stellte den Fuß auf, legte eine Hand an die Kante, ging in die Hocke und verschwand halb im Schiff, um mit derselben Entschiedenheit, mit der andere Leute Brot anschnitten, einen Blick in den Bereich zu werfen, in dem die Dinge Wahrheit oder Arbeit wurden.

„Hol mal Wasser“, sagte er.

„Für wen?“

„Für dich. Ich hör dein Denken schon trocken knirschen.“

Joshua schnaubte leise und sprang noch einmal an Land.

Als er mit einer Flasche zurückkam, lag Zauner bereits halb quer im Boot, ein Arm tief im Steuerbordbereich, während an seiner Schläfe wieder zwei Apparate gegeneinander pfiffen wie beleidigte Vögel aus gutem Material.

„Muss kurz justiere!“, rief er nach hinten, ohne zu sagen, zu wem.

„Zu mir?“, fragte Joshua.

„Zu allem.“

Joshua reichte ihm die Flasche.

Zauner nahm sie, ohne den Blick aus dem Rumpf zu nehmen, trank einen kurzen Schluck, gab sie zurück und sagte, noch immer halb im Boot:

„Joshua?“

„Ja?“

„Nicht schlimm.“

Kurze Pause.

„Aber sportlich war’s auch nicht.“

Joshua nickte.

„Dachte ich mir.“

Der andere brummte nur. Dann kam seine Stimme gedämpft von unten:

„Lass sie da. Ich geh nachher nochmal sauber ran. Und wenn’s heute Abend noch pingt, dann nicht erschrecken.“

„Warum würde mein Boot ping—“

PING

Der Apparat an der Schläfe quittierte irgendetwas, das nur er für selbstverständlich hielt.

Er zog sich rückwärts aus dem Boot, blinzelte kurz ins Licht, riss einen weiteren schmalen Streifen ab und sah Joshua lang an.

„Nicht dein Boot“, sagte er. „Du.“

Joshua nahm einen Schluck Wasser und musste lachen.

Milva roch nach Lauge, Salz und warmem Holz. Irgendwo schlugen wieder Glocken, weiter weg diesmal. Aus der Halle tropfte ein alter Hahn in einen Eimer. Und mitten in all dem stand Zauner, verschmiert, unerquicklich präzise, mit seinem seltsamen Gerät an der Schläfe, das wieder zu zischen begann, als hätte der Ort noch längst nicht genug von ihm verlangt.

Joshua sah ihn an und dachte, nicht zum ersten Mal, dass es Menschen gab, die keine Ruhe ausstrahlten und einem trotzdem das Gefühl gaben, gerade am richtigen Ort festgemacht zu haben.